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Sagen Sie mal, wie viel verdienen Sie?

Markus Allemann

27.06.2017
Markus Allemann

 

Unüblich, schockierend, irritierend, unanständig und provozierend! Fühlen Sie sich mit dieser eigentlich simplen Frage angegriffen? Macht Sie das unsicher, oder finden Sie das ganz einfach blöd?

 

In der Schweiz spricht man nicht darüber, wie viel man verdient, und fremde Leute danach fragen, ist schon fast kriminell frech. Die eigenen Löhne werden bei uns wie ein Staatsgeheimnis gehütet und kaum öffentlich diskutiert. Wenn schon etwas preisgeben,dann macht man das in der Öffentlichkeit mit Prestigekäufen sichtbar. So lässt sich das Interesse von neugierigen Personen, die nach dem Inhalt des Portemonnaies anderer Menschen lechzen, ganz einfach stillen. Man rechnet nämlich aufgrund der sichtbaren Kostbarkeiten einfach hoch und schätzt wie folgt ab: Wenn sich diese Person so etwas leisten kann,dann muss sie so und so viel verdienen! Ganz einfach, oder?

 

Doch der Schein trügt, so einfach ist die Rechnung halt doch nicht. Die Neugier, was jemand verdient, bleibt fast immer unerfüllt und ein Tabu. Ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die Sitten anders sind wie z. B. in England oder in Schweden. Da redet man ganz offen über Löhne, und niemand stört sich daran. Diese Erfahrung habe ich selbst vor vielen Jahren in London gemacht. Da wurde mir ein englischer Kollege vorgestellt, und der fragte mich als Erstes: How much are your earnings? Dies brachte mich unwillkürlich in grössere Verlegenheit, weil ich nicht darauf gefasst war. Eine Gegenfrage hätte geholfen, dann hätte ich vielleicht auch eine passende Antwort über meine Lippen gebracht. Ob diese Gewohnheit, offen über Saläre zu sprechen, besser ist, kann ich schwer abschätzen. Doch die Erfahrung zeigt, dass Transparenz im Allgemeinen fast immer auch zu positiven Resultaten führt.

 

Ausnahmen bestätigen die Regel. Transparent gemachte Vergütungen führen schnell mal zu angeregten Debatten. Menschen aller Schichten fühlen sich angesprochen. Ein Beispiel dazu: wenn die Löhne und Boni von Topangestellten von Schweizer Grossbanken, wie kürzlich geschehen, bekannt gemacht werden. Man unterstellt diesen Bankern Abzockerei, fehlende Sensibilität und Überheblichkeit. Wohl, wenn auch nicht immer, zu Recht. Aber wo liegt die Grenze zum richtigen, akzeptablen Gehalt? In diesem Fall fühlt sich ein jeder und eine jede kompetent, darüber zu wettern. Schlimmer noch, man fühlt sich klein und betrogen, wenn man rechnet und diese überdimensionierten Gehälter in Relation zu seinem eigenen setzt.

 

Und schon zeigt es sich, wie heikel es sein kann, wenn manche Dinge allzu transparent werden. Nicht nur Neid, sondern auch Hass werden geschürt, Gräben werden aufgerissen, die eigentlich nicht entstehen sollten.

 

Da erstaunt es dann doch, dass sich in unserem Land kaum jemand über überdimensional hohe Einkünfte von Spitzensportlern aus dem In- oder Ausland aufregt. Denn diese Berufssparte ist eine der wenigen, die allgemein sehr transparent ist. Wer wie viel verdient wird sogar in Ranglisten publik gemacht. Wenn ich höre, dass ein gewisser Fussballer pro Tag so zwischen 200’000 bis 250’000 Franken verdient (bekanntes Jahressalär durch 365 geteilt), dann beginne auch ich zu rechnen. Noch besser, ich mache nächste Woche einen Termin mit meinem Vorgesetzten und rechne mit ihm zusammen. In aller Bescheidenheit nicht auf Tages-, sondern auf Jahresbasis! Ein Tipp an alle, die sich ärgern: Meine Verhandlungsbasis wird sein – Tagessatz = Jahressatz.

 

Dann sieht die Welt ganz leicht besser aus. Viel Glück!

 

Die Kolumne widerspiegelt die persönliche Meinung des Autors.

 


Markus Allemann ist Leiter Spezialprojekte am Hauptsitz in Basel.




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