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Draghi's Rückenwind für EU-Aktien

Europa im Aufschwung? Drei Fragen an Anlagechef Mario Geniale

Die Weltbank hat jüngst ihre Wachstumsprognose für die EU nach oben korrigiert. Man könnte meinen, Europa kommt langsam auf Touren. Was ist davon zu halten?

Wie immer ist das eine Frage der Perspektive. Die Wirtschaftsleistung ist in vielen EU-Staaten heute immer noch unter den Werten von 2007/2008. Von einem tiefen Niveau her kommend, ist es jedoch einfacher, wieder schneller zu wachsen. Ausserdem basiert das Wachstum der EU nicht auf eigener Stärke, sondern die expansive Geldpolitik und das 2015 initiierte Obligationen-Rückkaufprogramm schwächen die Währung und kurbeln so die Exporte an. Die nächsten anderthalb Jahre ist von einem sich beschleunigenden Wirtschaftswachstum in Europa auszugehen. Deutschland fährt als Lokomotive vorneweg. Ohne den Rückenwind der EZB-Massnahmen würde die EU jedoch nicht wachsen.

Eine sich beschleunigende Wirtschaft sorgt normalerweise für steigende Aktienkurse. Sind europäische Aktien im Moment also eine sichere Wette?

Aktienanlegern verschafft Mario Draghi's Programm in der Tat "garantierten" Rückenwind und damit Grund zu Optimismus. Die EZB hat ja zugesichert ihr Programm bis im Herbst 2016 fortzusetzen und die Analysten haben in den vergangenen Wochen ihre Gewinnerwartungen nach oben korrigiert. Das für 2016 geschätzte durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis von europäischen Aktien steht bei 14 und ist damit immer noch recht günstig. Die nächsten beiden Monate werden zeigen, ob die höheren Gewinnerwartungen in der Tendenz bestätigt werden und ob auch der Ausblick der Unternehmen selbst optimistischer ausfällt. Von einer sicheren Wette kann man an der Börse nie sprechen, aber wir bleiben zuversichtlich und empfehlen unseren Kunden, die leichte Korrektur der letzten Wochen zu nutzen und jetzt in europäische Aktien zu investieren.

Und wie beurteilen Sie das Zinsumfeld in Europa? Was können wir hier aus der Zinsentwicklung in den USA im Umfeld der drei quantitativen Lockerungsprogramme der US-Notenbank lernen?

Das Zinsumfeld ist und bleibt wenig attraktiv. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die Investoren die drei US-Programme immer vorweggenommen haben. Die Entwicklung war dieselbe: Die Zinsen haben jeweils vor dem Start der Programme stark nach unten korrigiert. Mit dem Start sind die Zinsen dann wieder gestiegen. Ein ähnliches Muster erwarten wir jetzt auch in der EU. Gleichzeitig werden aber auch die Inflationsraten wieder steigen. Anleger, die heute Staatsanleihen mit langen Laufzeiten kaufen, müssen also mit Kursverlusten rechnen. Statt Staatspapiere sollten Anleger deshalb Unternehmensanleihen mit eher kurzen Laufzeiten suchen. Sie müssen allerdings ein höheres Kreditausfallrisiko eingehen, welches eine aktive Bewirtschaftung bzw. Überwachung erfordert. Um dieses Risiko im Griff zu behalten, raten wir Privatinvestoren, auf Fondslösungen statt auf Einzelanlagen zu setzen.