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Geldpolitik, die «Macht» ist nicht mit dir – CIC perspectives Snapshot

3 Fragen an Mario Geniale, Chief Investment Officer der Banque CIC (Suisse), über die Zinserhöhung und eine mögliche Normalisierung der Wirtschaft.

Die US-Notenbank hat gestern wie erwartet die erste Zinserhöhung seit mehr als zehn Jahren angekündigt. Eine Überraschung war das nicht. Was bedeutet der Entscheid?

Mit den Korrekturen der letzten Tage an den Aktienmärkten haben die Märkte die Zinserhöhung vorweggenommen. Viel wichtiger als diese Erhöhung selbst ist die Aussage der US-Notenbank, dass der Anstieg der Inflation in den nächsten Jahren flacher ausfallen wird als noch im September erwartet und die Märkte weiterhin mit ausreichender Liquidität versorgt werden. Wir interpretieren dies so, dass in den nächsten zwölf Monaten nur eine Zinserhöhung, allenfalls zwei, folgen werden. Den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik geht man also nur sehr vorsichtig an. Die Folgen der Finanzkrise werden ausgesessen. Mit anderen Worten: Die Zinsen in den USA werden noch für Jahre sehr tief bleiben und in Europa sowieso. Eine Zinswende in der Schweiz vor 2020 ist damit vom Tisch. Alles andere hätte die Märkte stark verunsichert.

Die Verunsicherung, die in den letzten Tagen wieder an den Börsen zu spüren war, sollte jetzt also verschwinden. Ist das eine Chance für Anleger?

Ja, Anlegern bietet sich in den nächsten Tagen eine Einstiegschance. Attraktiv sind in erster Linie europäische Aktien. Die EZB hat ja angekündigt, ihren expansiven Kurs fortzusetzen. Mutigere Anleger sollten sich einzelne Positionen in den Peripherie-Ländern Europas anschauen, da diese Regionen noch über einiges an Aufholpotential verfügen. Mit Schweizer Aktien sind wir zurückhaltend. Der SNB sind ja die Hände gebunden, weil sie den Schweizer Franken möglichst unattraktiv halten will. Wenn wir etwas weiter in die Zukunft schauen, müssen wir über die Wachstumserwartungen sprechen und da sieht es nicht so positiv aus.

Warum kommt die Weltwirtschaft nicht in die Gänge? Das Primat der Geldpolitik seit der Finanzkrise, d.h. die hohe Liquidität und die tiefen Zinsen, hätten doch die Wirtschaft ankurbeln sollen?

Die Erwartungen waren zu hoch. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass das Potenzialwachstum der Industriestaaten wie auch der Schwellenländer tiefer ist als erhofft. Wachstum ist aktuell nicht eine Frage der Geldpolitik, sondern der Ölpreisentwicklung. Die aktuellen Tiefstkurse beim Erdöl werden bestimmt durch geopolitische Überlegungen und den Kampf um Marktanteile. Obwohl niedrigere Energiekosten auf den ersten Blick positive Auswirkungen haben sollten, zeigt sich jetzt, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Tiefstkurse verursachen überall Schmerzen. So zum Beispiel in den USA, wo einige Ölproduzenten in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, oder im mittleren Osten, wo die tieferen Einnahmen auf die Investitionstätigkeit in der Region drücken. Erst wenn der Ölpreis auf ein natürliches Niveau von USD 50 bis 60 pro Fass zurückkehrt, wird auch die Inflation wieder ansteigen. Solange sie dann nicht gleich aus dem Ruder läuft, ist dies einer gesunden Wirtschaftsentwicklung förderlich. Die Zentralbanken haben mit ihrer expansiven Geldpolitik aktuell also gar keine Macht auf die Inflationsentwicklung und indirekt somit auch nicht auf die Wirtschaftsentwicklung. Das Primat liegt heute bei der Geopolitik und nicht mehr bei der Geldpolitik.