Blog

Ohne Gier kein Kuchen

«Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.»

Die Aussage von Michael Douglas alias Gordon Gekko im Film «Wall Street» aus dem Jahr 1987 ist legendär. Ganz so zynisch und absolut würde ich den Begriff Gier nicht beschreiben. Dennoch bin auch ich der Meinung, erst das Streben nach Höherem, immer weiter, immer besser und immer mehr, führte in der Geschichte der Menschheit zu Errungenschaften, welche wir heute als Annehmlichkeiten in unserem täglichen Leben kennen und unterdessen als Selbstverständlichkeit erachten.

Gier und das Risiko, in Masslosigkeit zu enden

Ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Bei all dem Streben nach der eigenen Nutzenmaximierung wird riskiert, dass Ethik und Moral auf der Strecke bleiben. 

Im Duden wird die Gier als ein «auf Genuss und Befriedigung, Besitz und Erfüllung von Wünschen gerichtetes, heftiges, massloses Verlangen» definiert. Die Betonung liegt hierbei auf «heftig» und «masslos». Mit der Gier einher geht oftmals ein gewisses Mass an Rücksichtslosigkeit. Wenn zum Beispiel die Befriedigung der Gier einiger weniger auf Kosten vieler anderer geht und individuelle Ziele die Entfaltung anderer behindern oder zu deren Lasten gehen, dann besteht unweigerlich die Gefahr, dass es zu einer ungerechten Verteilung von Kapital oder Gütern kommt. Dies trifft auf den korrupten Diktator genauso zu wie auf den Internetbetrüger, der Billigwaren überteuert verkauft.

Ohne Gier keine Finanzkrise?

Ist die Gier auch für die Finanzkrise verantwortlich? Waren es die überhöhten Boni-Anreize oder der schiere Grössenwahn der Banken, die schlussendlich eine der heftigsten Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre hervorgerufen haben? Kann man behaupten, ohne Gier auch keine Finanzkrise?

Die Finanzmärkte bringen nach Rendite suchende Anleger mit nach Kapital suchenden Unternehmen zusammen. Mit dem Austausch von Geldflüssen fördert der Finanzmarkt somit Investitionen und in Konsequenz die Produktion von Gütern. Die dank der Industrialisierung erzielten Produktivitätssteigerungen und eine allgemeine Sättigung bei Gütern des täglichen Bedarfs führen zu tieferen Preisen und dementsprechend zu tieferen Gewinnen für die Unternehmen. Die menschliche Gier nach «mehr» materiellen Annehmlichkeiten wird durch die Gier der Unternehmen nach mehr Gewinn beidseitig befriedigt. Dies hat gemäss dem renommierten Soziologen Gerhard Schulze von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg den positiven Effekt, dass auch die Produktion von alltäglichen oder mit seinen Worten: von unentbehrlichen Gütern immer besser und immer billiger wird, wodurch nicht nur das «Kapital», sondern eben auch die «Arbeit» profitiert. Dies steht im Gegensatz zu der Kritik der Bussprediger, welche eine Abkehr von der Gier fordern, damit alle etwas vom Kuchen abkriegen.

Nach Meinung des Soziologen entsteht ohne Gier erst gar kein zu verteilender Kuchen.

Die Kolumne widerspiegelt die persönliche Meinung des Autors.