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Politische Märkte sind kurzfristige Märkte

Mario Geniale, verantwortlich für die Anlagepolitik der Banque CIC (Suisse) und Experte im Portfolio Management, spricht im Interview über die aktuel-len Entwicklungen auf den Märkten.

Die Wirtschaft ist auf Wachstumskurs. Wie lange noch, Herr Geniale?

Die Aussichten für die globale Wirtschaft – unterstützt durch den positiven Konjunkturverlauf in den Industrieländern – sind nach Einschätzung der Weltbank gut. Für das laufende Jahr und 2015 werden ein BIP-Wachstum von 3.2% beziehungsweise 3.4% vorausgesagt. Auch die Finanzminister der G20 stossen mit ihren optimistischen Prognosen ins gleiche Horn. Die Politiker wollen die globale Wirt-schaftsentwicklung mit ambitionierten Reformen zusätzlich ankurbeln. Innert fünf Jahren soll das globale BIP-Wachstum um zusätzliche 2% gesteigert werden. Das Rezept dazu ist – zumindest auf dem Papier – einfach: mehr Investitionen der Privatwirtschaft, mehr Wettbewerb und damit weniger Arbeitslosigkeit. Die orchestrierte Wachstumsoffensive ist, besonders im Hinblick auf das stetig wachsende Heer von Arbeitslosen, dringend nötig. Die Jugendarbeitslosigkeit – namentlich in Europa – ist besorgniserregend hoch. Fast ein Viertel der jungen Menschen in Europa haben keine Arbeit. Die «verlorene Generation» stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den sozialen Frieden dar und ist ein Nährboden für nationalistische Tendenzen.

Die Krim-Krise hat den europäischen Aktien zugesetzt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Politische Märkte sind kurzfristige Märkte. Die Auswirkungen von Krisen sind in der Regel zwar heftig, allerdings beruhigen sich die Finanzmärkte meist nach kurzer Zeit wieder. Fakt ist: Die Wirtschaft der Eurozone wächst wieder. Die Anleger sind weiterhin und trotz Krim-Krise in Kauflaune, auch wenn die aggregierten Konjunkturdaten die alten Schwachstellen – wie Staatsschulden, Bürokratie und Arbeitslosigkeit – vieler EU-Mitglieder lediglich übertünchen. Auch die Winterstürme in Form von Währungsturbulenzen in den Schwellenländern oder die wiederholte «politischen Neuorientierung» in Italien haben die Aktienmärkte nur kurz belastet. Die Anleger «surfen» nach wie vor auf der anhaltenden «Liquiditätswelle» der EZB unter Mario Draghi. Die Mitte März publizierten Inflationszahlen für die Eurozone sind dermassen tief, dass eine erneute Lockerung der Geldpolitik wiederum möglich scheint, um nicht in eine Deflation zu rutschen. Alles in allem teilen wir die Euphorie nur beschränkt und setzen auf defensive und multinationale Unternehmen wie zum Beispiel Allianz (Versicherung), Royal Dutch (Energie) und Sanofi (Pharma).

Sehen Sie Alternativen im Bereich der Obligationen?

Zu Beginn des Jahres sah es aus, als ob Obligationen im ersten Quartal unter Druck geraten würden. Mögliche Gründe für einen Bärenmarkt waren das FED-Tapering, das anziehende Wachstum in den Industrieländern und die Suche der Investoren nach mehr Rendite. Doch die Risikoaversion nahm aufgrund der Turbulenzen in den Schwellenländern zu. Zudem liessen die tiefe Inflation in der Eurozone und der Schweiz die Zinsen weiter unter Druck geraten. Kurzfristig gehen wir davon aus, dass der 10-jährige CHF-Referenzzinssatz in Richtung 1.20% fallen wird, wovon insbesondere High-Grade-Anleihen mit längerer Duration profitieren werden. Dies würden wir dann ausnutzen, um die Laufzeiten der Obligationen im Portfolio zu verkürzen und somit das Risiko von Kursverlusten in den Anleihen zu reduzieren. Wir gehen davon aus, dass im Jahresverlauf die globale Konjunktur grundsätzlich trotz der eingangs erwähnten Probleme wieder etwas an Fahrt gewinnen sollte, was in der Folge wieder zu höheren Zinsen im mittel- bis langfristigen Laufzeitenbereich führen wird.

Zuletzt sorgte die virtuelle Währung Bitcoin für negative Schlagzeilen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Bitcoin ist sehr interessant, weist hingegen eine sehr problematische Schwäche auf: Bitcoin ist ein auf Deflation ausgelegtes Konzept und macht die Schürfer der ersten Stunde in kurzer Zeit zu Millionären Weil Bitcoins auf Kurssteigerung ausgelegt sind, sind sie mehr Spekulationsobjekt als Tauschwährung.

Nach meinem Wissen ist Bitcoin im Kern an und für sich sicher, nicht aber unbedingt die partizipierenden Handelsplätze. Bitcoin zeigt uns ein Stück weit die Zukunft. Für Bitcoin selber sehe ich es allerdings Nur als eine Frage der Zeit, bis die Staaten und Institutionen diesen Bereich ebenfalls regulieren werden und müssen. Ob Bitcoin diese Phase überlebt ist zweitrangig, denn wenn nicht: Der nächste Bitcoin kommt mit Sicherheit. Es lohnt sich als, sich damit zu befassen. Als Anlage würde ich aber davon absehen.