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Statistischer Sonnenschein

Es war super. Die Leute waren nett, das Wetter schön und wir hatten unglaublich viel Spass. Kommt Ihnen das bekannt vor? So oder ähnlich tönt es bisweilen, wenn Bekannte von ihren Ferien berichten.

Im Zeitalter der sozialen Medien ist einseitige Erzählform inflationär gewachsen und wird über Whats- App, Facebook und Instagram mit entsprechenden Bildern zelebriert. Im privaten Ferienerzählmodus mag dies ermüdend sein (wie damals die Dia-Vorträge), in wichtigen Sachfragen hingegen ist die selektive Darstellung problematisch. Politiker und sonstige Interessensvertreter nutzen die Sprache seit jeher dafür, ihren Standpunkt übermässig und manchmal bis an die Grenze des Legalen positiv darzustellen. Den Leuten ist dies bewusst und sie orientieren sich zunehmend an dem, was den Anschein der Objektivität wahrt und so etwas wie eine sachliche Darlegung der Fakten erlaubt: Zahlen und in gesammelter Form Statistiken.

 

Statistik ist vergleichbar mit einer eigenen Sprache, welche Zahlen nach bestimmten Definitionen interpretiert und in Verbindung bringt. Während wir im Alltag jemanden rasch entlarven können, der einseitig berichtet, fällt es uns schwerer, wenn Statistiken angeführt werden. Wir haben oftmals zu wenig Übung im Umgang mit dieser Sprache der Statistik, wir merken oftmals nicht, wenn etwas einseitig oder gar falsch dargestellt wird. Dazu ein paar Beispiele.

 

Durchschnitt. Stellen Sie sich vor, in einer Firma arbeiten 100 Leute, wovon alle 100 Franken verdienen. Nur der Chef verdient 100 Millionen Franken. Der Durchschnittslohn für einen Mitarbeitenden dieser Firma würde auf dem Papier über eine 1 Million betragen, obschon 99% der Mitarbeitenden massiv darunter verdienen.

 

Relative und absolute Betrachtung. Um die Wirksamkeit eines neuen Medikaments zu beweisen, wird oft mit der Reduktion des Sterberisikos argumentiert. Beispielsweise heisst es, mit dem Medikament A nimmt das Sterberisiko um 33.3% ab. Beeindruckend! Schauen wir uns an, was dahintersteckt. Mit dem alten Medikament B starben trotz Behandlung 6 Erkrankte von 1 000 (entspricht 0.6%). Mit dem Medikament A waren es vier (0.4%). Absolut gesehen wäre die Aussage: Mit dem neuen Medikament konnte die Sterblichkeitsrate um 0.2% verringert werden. Gleiche Geschichte, aber weit weniger eindrücklich.

Ursache und Wirkung. Trinken Sie Kaffee? Gut. Nachdem jahrzehntelang zu hören war, Kaffee sei ungesund, ist heute alles anders. «Kaffeetrinker leben länger», titelte jüngst das Nachrichtenmagazin «Spiegel.de»: «Die Forscher der Harvard University schreiben der schwarzen Bohne sogar eine lebensverlängernde Wirkung zu.» Forscher haben dazu mehr als 200‘000 Datensätze analysiert. Heisst das nun, dass ich mein Leben verlängern kann, indem ich mehr Kaffee trinke? Mitnichten. Nur weil zwei Dinge (Kaffeegenuss und Gesundheit) gleichzeitig beobachtet werden, heisst es noch lange nicht, dass ein kausaler Zusammenhang besteht. So präzisiert auch der Artikel: «Eine echte Ursache-Wirkung-Beziehung ist damit nicht bewiesen. Es könnte auch sein, dass Menschen mit einer besseren gesundheitlichen Konstitution – aus welchen Gründen auch immer – besonders gern Kaffee trinken.»

In jeder Sprache kann Unfug erzählt werden. Mir scheint jedoch, dass es noch nie eine solche Fülle an Studien und Statistiken gab, die von den Medien dankend aufgenommen und ungeprüft publiziert werden. Während wir in der Schule darauf vorbereitet werden, das geschriebene Wort von Goethe bis Grass kritisch zu hinterfragen, sind wir in der Kritik von Statistiken oftmals zu ungeübt und naiv.

 

Statistik ist wichtig. Gerade auch wenn es um finanzielle Fragen geht, hilft uns die Statistik, Entwicklungen zu beschreiben und komplexe Sachverhalte darzulegen. Wenn wir kritisch damit umgehen, ziehen wir daraus einen informativen Mehrwert und gelangen zu besseren Entscheidungen. Im privaten Bereich verzichten wir lieber auf zu viel Statistik, sonst könnte es heissen: «Wir hatten während 45% der Ferientage eine Sonnenscheindauer von über 6 Stunden, was knapp über dem arithmetischen Mittelwert der vergangenen Jahre liegt. Von 124 Menschen, mit denen wir in Kontakt waren, ergaben sich 67 Gespräche, wobei eine Umfrage in meiner Familie ergab, dass wir 2/3 dieser Gespräche als «nett» oder «sehr nett» empfunden haben. Das Cüpli war mit 11° C etwas über Idealtemperatur, was jedoch durch den niedrigen Preis (8% unter Peergroup der Vergleichsrestaurants) kompensiert wurde.»

Wer will das schon hören?

 

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CIC perspectives 2/16

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