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Wer hat Angst vor Inflation?

Alles spricht von Inflation. Zur Bewältigung der Schuldenkrise wurde sehr viel Geld in die Wirtschaft gepumpt. Die Schweiz bewältigt ihrerseits mit sehr viel Geld den steten Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken. Weil die Geldmenge damit massiv ausgeweitet wurde, ist mit einer «Geldentwertung» zu rechnen. Anders ausgedrückt: 
Weil mehr Franken in Umlauf gelangen, nimmt die Nachfrage nach Gütern zu, und man ist bereit, mehr für ein Gut zu bezahlen. Die Preise steigen. Und weil die Preise steigen, will man erst recht Güter kaufen, bevor diese noch teurer werden. Diesen Effekt nennt man Inflation. Und Inflation ist schlecht für die Wirtschaft und kann zu Blasenbildung führen. Bekanntlich platzen Blasen irgendwann.

In der Schweiz lag die durchschnittliche Inflation im letzten Jahr bei minus 0,7 Prozent und im Jahr 2011 bei rund 0 Prozent. Fast wöchentlich erreichen uns Mitteilungen der Grossverteiler, die uns mit breit angelegten Preisreduktionen beglücken. Sehen können wir sie auf jeden Fall nicht, die Anzeichen einer möglichen Inflation in der Schweiz. Im Gegenteil.

Also, kein Grund zur Sorge? Schauen wir uns die Geldmenge an. Die von der Nationalbank direkt beeinflusste Geldmenge hat sich tatsächlich massiv aufgebläht. In den letzten fünf Jahren um das Siebenfache. Einige Medien, z.B. in Deutschland, sahen sich denn auch veranlasst, die Schweiz als «tickende Zeitbombe» («Die Welt») oder «grösste Sünderin» («FAZ») zu bezeichnen. Die Schweiz hat also in den vergangenen Jahren deutlich mehr Geld gedruckt als etwa die ebenfalls heiss laufenden Notenpressen der USA oder Europas. 

Es gibt diverse Gründe, weshalb sich die Geldschwemme nicht oder noch nicht auf die Inflation ausgewirkt hat. Ein grosser Teil gelangt nicht in den Wirtschaftskreislauf. Das im Umlauf befindliche Bargeld und die Kontoeinlagen sind ebenfalls gewachsen, allerdings in den letzten 5 Jahren «nur» um das Zweifache. Dies bedeutet, dass ein grosser Teil der von der Nationalbank geschaffenen Liquidität nicht dort ankommt, wo sie als Konsum oder Investition die Preise treiben würde. Die Kreditvergabe hat zwar im gleichen Zeitraum auch um über 10% zugenommen, aber im Vergleich ist dies bescheiden und kaum preistreibend. Auch der aus der Globalisierung hervorgehende, intensivierte Konkurrenzkampf führt zu einem anhaltenden Preisdruck und so wirkt die Geldmengenausweitung weniger stark, als vermutlich vor ein paar Jahrzehnten hätte erwartet werden müssen.

«Hysterie oder Ketchup»

In den Medien ergibt sich ein geteiltes Bild. Die einen warnen vor Hysterie und führen an, dass es für Inflation in der heutigen wirtschaftlichen Verflechtung mehr braucht als eine Ausweitung der Geldmenge. Zum Beispiel eine plötzliche und massive Verknappung eines zentralen Rohstoffs. Auch wird angeführt, dass insbesondere die europäischen Staaten aufgrund der Sparpolitik ihrerseits deutlich weniger investieren können, was den Preisdruck schwächt. Auf der anderen Seite mahnen viele kritische Beobachter, dass die Inflation kommen wird. Verzögert zwar, aber mit Wucht. Dafür gibt es einen einleuchtenden Begriff: die Ketchup-These. Zuerst kommt nichts aus der Flasche und auf einmal kommt zu viel. 

Angesichts der grossen Vielfalt und der immer einfacher werdenden Einkaufsmöglichkeiten kann heute, mehr denn je, jede Konsumentin und jeder Konsument seinen persönlichen Warenkorb nach den Preisen ausrichten und weniger davon kaufen, was teurer geworden ist, und dafür etwas mehr von jenem, was günstiger geworden ist. So hätte ich meiner Frau im Januar lieber eine Damenjacke (–23%) statt Schaumwein (+21,4% ) geschenkt.* Damit optimiert man gewissermassen seine eigene Inflation. Es war wohl in der Geschichte noch nie so einfach, sich dank Internet über den besten Preis zu informieren und entsprechend einzukaufen. Die Theorie hat diese neue Konsumrealität nicht berücksichtigt. 

Und dennoch: Gier ist zeitlos. Problematisch wird es nämlich, wenn man darauf spekuliert, dass etwas, was teurer geworden ist, noch teurer wird, und man es eben deshalb kauft, in der Hoffnung, nochmals teurer verkaufen zu können... Bekanntlich platzen Blasen irgendwann. 

Unter dem Strich glaube ich, dass wir mit eigenem, überlegten Konsum und mit einer umsichtigen Politik der Nationalbank gut bedient sind und uns vor Inflation nicht fürchten müssen.

*Basis: Monatsveränderungen der Preise gem. Landesindex der Konsumentenpreise, Januar 2013

Die Kolumne widerspiegelt die persönliche Meinung des Autors.