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Zittrige Hände in China, Herbststürme in Europa

3 Fragen an Mario Geniale, Chief Investment Officer der Banque CIC (Suisse) über die Börsenturbulenzen und die Lage in China.

Die Hausse der chinesischen Aktien scheint vorbei. Von Mai 2014 bis Juni 2015 stieg der Index in Shanghai auf mehr als das Doppelte. Seit dem Höchststand haben sich die Kurse jetzt fast halbiert. Wie lässt sich diese Berg- und Talfahrt erklären?

China war lange Zeit ein Wachstumswunder. Nach der Überhitzung des Immobilienmarkts vor zwei Jahren hat die Regierung den Aktienmarkt bewusst geöffnet. Im letzten Jahr war der Zustrom aus der chinesischen Mittelschicht dann wohl zu gross für diesen relativ engen Markt, was die Kurse in die Höhe schnellen liess. Als diesen Sommer dann Zweifel an den Wachstumsaussichten in China aufkamen, war eine Korrektur zu erwarten. Die hohe Geschwindigkeit der Korrektur hat aber überrascht. Ich erkläre sie mir mit der Unerfahrenheit vieler Anleger in China sowie damit, dass sie ihre Anlagen teilweise mit Krediten finanziert haben, um den Hebel zu erhöhen. Es waren also "zittrige Hände" im Spiel.

Am G20 Gipfel erklärte China, der Einbruch an seinen Aktienmärkten stehe kurz vor dem Ende. Hat sich die Situation derweil beruhigt oder wird sie weiter eskalieren?

Im August hat die chinesische Zentralbank ihre Währung, den Renminbi, abgewertet, um der chinesischen Wirtschaft Schwung zu verleihen. Der Absturz der Aktienkurse ging aber weiter und beschleunigte sich danach sogar noch. Ich glaube, dass die chinesische Zentralbank die Währung noch viel stärker abwerten wollte, um die Wirtschaft anzukurbeln. So starke Turbulenzen an den Aktienmärkten hat die Regierung nicht erwartet. Abwertungen sind deshalb vorderhand kein Thema mehr. Die chinesische Zentralbank hat mit einer Zinssenkung und der Lockerung der Anlagevorschriften der Pensionskassen reagiert. Kurzfristig hat sich der Markt beruhigt. Doch aus technischer Sicht steht Chinas Börse noch immer unter Abgabedruck. Die Indexentwicklung erinnert an den grossen Crash an der Wallstreet im Jahr 1929 (vgl. Grafik). Das ist nicht wirklich vertrauenserweckend. Und die "zittrigen Hände" sind noch nicht aus dem Markt, was zu weiteren Turbulenzen führen wird. Die Regierung ist weiterhin gefordert, mit Stützmassnahmen für eine Normalisierung des Aktienmarkts zu sorgen.

Können Aktienanleger in der Schweiz die Turbulenzen zum Einstieg nutzen und sich dann auf einen geruhsamen Herbst mit steigenden Kursen einrichten?

Am Schweizer Aktienmarkt erwarten wir durchaus eine Beruhigung. Wir werden zuerst eine Seitwärtsbewegung sehen, der in den nächsten drei bis sechs Wochen eine kurze Erholung folgen wird. Ein Anstieg des SMI bis auf 9'200 ist möglich. Aber dieser Anstieg ist nicht nachhaltig. Dafür gibt es zu viele ungelöste Dossiers, die im Herbst wieder auf den Tisch kommen und für Unsicherheit sorgen werden. China wird zwar keinen Abwertungsdruck mehr erzeugen, aber die Aussichten in vielen Schwellenländern sind unsicher. Auch die Probleme in den USA (Ausgabengrenze / Zinserhöhung) und in Europa (Staatsverschuldung) sind nicht gelöst. Wir rechnen also mit einem stürmischen Herbst an den Aktienmärkten. Nach der kurzfristigen Erholung werden die Kurse korrigieren und dürften dann sogar unter die aktuellen Stände fallen. Privatanleger sollten sich deshalb mit Zukäufen von Aktien im aktuellen Umfeld zurückhalten. Wir werden die bevorstehende kurze Erholung nutzen, unsere Aktienquote weiter zu reduzieren.